{Im Kino} Happy Family ~ 5 Fragen an Regisseur Holger Tappe

by Lena G.

Happy Family

Wie versprochen, bekommt ihr heute mein Interview mit dem sympathischen Holger Tappe zu lesen, dem Regisseur und Produzenten des Familienfilms HAPPY FAMILY, der gestern in den deutschen Kinos angelaufen ist.

Ich finde es ausgesprochen interessant auf diese Weise einen kleinen Einblick in die Arbeit eines Filmemachers zu bekommen und dieses Gespräch verdeutlicht sehr gut, wie viel Geduld, Zeit und Nerven ein großes Team aufbringen muss, um eine niedergeschriebene Story in einen ansprechenden Film zu verwandeln. Beeindruckend! 😊

 

Hallo Herr Tappe, was die Regiearbeit betrifft, bin ich vollkommen unwissend, dafür aber sehr neugierig!
Verraten Sie mir, wie lange es gedauert hat, den Animationsfilm HAPPY FAMILY zu produzieren?

Happy Family - Papa Frank
Wir haben HAPPY FAMILY schon auf dem Tisch gehabt, als das Buch überhaupt noch nicht im Handel zu kaufen war, die Arbeit muss also vor September 2011 losgegangen sein – warum, beantworte ich gleich in der zweiten Frage.

Wenn wir also den Erwerb der Rechte als Beginn definieren, sind das deutlich über 6 Jahre. Am Film selbst haben wir mit dem ganzen Team (ca. 70-80 Computerspezialisten) im Kern „nur“ etwas über drei Jahre gearbeitet. Davor war die Arbeit mit David Safier und Catharina Junk am Buch (ca. 1,5 Jahre) und dann die Finanzierungsphase des Filmes – wir haben hier 9 unterschiedliche Finanzierungsquellen bzw. Koproduzenten. Es hat auch deutlich über ein Jahr gedauert, diese zusammenzubekommen und es ist die anstrengendste Phase – von den jetzigen Wochen, an denen der Film ins Kino kommt, mal abgesehen… 😉

 

Wie kam es dazu, dass Sie die “Happy Family” digital zum Leben erwecken wollten? Wie haben Sie die Familie Wünschmann kennengelernt?

2010 hatte ich eine Idee für einen Animationsspielfilm, der anders sein sollte, als die Filme die wir kennen. Es werden immer mehr sehr gute Animationsfilme hergestellt und deswegen wollte gerne einen Stoff realisieren, der nicht nur für Kinder geeignet ist. Dafür habe ich einen Autoren gesucht und bin auf David Safier gestoßen, der ja vor seiner Karriere als Romanautor vor allem Drehbücher geschrieben und Serien entwickelt hat, z. B. auch die Fernsehserie Berlin, Berlin.

Wir haben uns getroffen und sofort sehr gut verstanden, aber David sagte mir, dass er keine Drehbücher mehr schreibt, weil er sich beim Romanschreiben gerade sehr viel wohler fühlt. Vier Wochen nach dem Treffen hat er mir aber einen Vorabdruck von HAPPY FAMILY geschickt und mich gefragt, was ich davon als Stoff für einen Animationsfilm halten würde. Ich fand die Idee super, habe ihm aber gesagt, nur wenn er das Drehbuch schreibt.
So fing die Arbeit an… er hat dann nämlich zugesagt 😄

Die Familie Wünschmann kann übrigens jeder kennenlernen. Denn sie ist schon seit über einem Jahr im Europa-Park unterwegs. Der Film ist mit dem Europa-Park zusammen produziert worden und deswegen unterhält unserer „Happy Family“ schon seit 2016 dort Millionen Parkbesucher.

Happy Family - Szene

 

Können Sie eigentlich noch ganz entspannt ein Buch lesen, oder haben Sie sofort bewegte Bilder im Kopf und überlegen, wo ein Special Effect am besten zur Geltung kommt?

Tatsächlich würde ich gerne sehr viel mehr Bücher lesen. Mein Problem ist, ich kann sie dann einfach nicht aus der Hand legen, bis ich sie durchgelesen habe, und vernachlässige meine anderen Aufgaben.

Ich denke, dass jeder ein Buch mehr oder weniger filmisch liest. Dass die Figuren anfangen im Kopf zu leben. Jeder hat doch dann Bilder oder auch das Aussehen der Figuren im Kopf.
(Das glaube ich, weil wir auch in Bildern und nicht in Schriftform träumen)

An Special Effects denke ich dabei eigentlich gar nicht, das kommt erst in der Umsetzung. Ich würde auch sagen, jeder Effekt, egal ob visueller Special Effect, eine besondere Betonung im Ton oder Schnitt, sollte für den Zuschauer am Besten sowieso unsichtbar sein und hat sich der Erzählung der Geschichte unterzuordnen. Alles, was um seiner selbst willen passiert, finde ich eigentlich nicht sinnvoll, weil wir dann dem Zuschauer sagen, Du bist im Kino und guckst gerade einen Film mit tollen Special Effects und wenn Du darüber während Du den Film guckst, nachdenkst, bist Du ja offensichtlich nicht in die Filmhandlung eingetaucht, oder die Special Effects haben Dich auf den Gedanken gebracht, über die Special Effects nachzudenken. Das versuche ich zu vermeiden, auch sollen die Zuschauer am Liebsten nicht darüber nachdenken, dass sie hier einen Animationsfilm sehen, sondern wir versuchen sie für 90 Minuten aus ihrem Alltag zu holen und in eine andere Welt eintauchen zu lassen.

Die meisten Menschen, die über Special Effects reden, reden dann auch nur über die, die sie gesehen haben. Und das sind eben die Schlechten, die Guten sieht der normale Zuschauer gar nicht, weil sie dann nicht auffallen und nur ein Mittel sind, um Bilder zu erzeugen, die man eben für die Geschichte sichtbar machen möchte.

 

Was war Ihnen an der Umsetzung des Drehbuchs besonders wichtig?

Eigentlich finde ich, dass viele Bücher gar nicht verfilmt werden sollten, denn ihre Geschichten sind stärker im Medium Buch. Selbst ein sehr langer Spielfilm muss mit 3 Stunden Länge auskommen, und für viele Bücher reicht das gar nicht aus. Und außerdem entstehen die größten Bilder eigentlich im Kopf. In dem Moment, wo wir sie auf der Leinwand sichtbar machen, schränken wir die eigene Fantasie des Betrachters ein. Leider bekämen dann viele Menschen diese Geschichten aber gar nicht mit, weil sie eben keine Bücher lesen, und das ist unser Glück, sonst wären wir wohl arbeitslos… 😉

Nein, quatsch, es gibt eben auch Bücher, die sind prädestiniert für einen Film, und der läuft beim Lesen einfach schon ab. Bei HAPPY FAMILY war das Buch für mich schon fast ein Drehbuch. Zusätzlich war es für mich die gelungene Kombination, weil die Geschichte unserer HAPPY FAMILY völlig neu ist und sie noch nicht so viele Leute kennen. Nur bei einem Film kann eine Familie das Erlebnis eben gemeinsam haben, etwas, was ein Buch zeitgleich nicht kann. Das ist für mich die Stärke eines Films: Geschichten kann man zusammen erleben und sich dann darüber austauschen.

Was mich also bei dem Roman begeistert hat, war, dass wir hier einen Film draus machen können, der für Kinder geeignet ist, aber auch den Eltern etwas zu erzählen hat. In einer Familie kennt jeder erst mal seine Perspektive, und das kann zu Stress führen. David hat das Buch geschrieben und jedem Familienmitglied seine eigene Perspektive gegeben und die Kapitel dann auch jeweils in der „Ich“-Perspektive geschrieben. Zuerst wollte ich so auch im Film vorgehen, aber das wäre für Kinder wahrscheinlich zu kompliziert geworden. Dann mussten wir uns noch von den Dingen verabschieden, die nicht kinderkompatibel sind, denn wir wollten mit dem Film möglichst die ganze Familie ansprechen (von den Kinder unter 6 Jahren bis hin zu den Großeltern). Aus diesem Grund mussten wir einige Dinge des Romans an den Familienfilm anpassen. Was mir aber manchmal (glaube ich jedenfalls) wichtiger als David oder Catharina war, ist, dass jeder, der den Roman gelesen hat, nach dem Kinoerlebnis immer noch sagt: ja, das war der Film zum Buch „Happy Family“. Den Roman kindgerecht umzusetzen und trotzdem der Vorlage treu zu bleiben, war meiner Meinung nach der aufwendigste Teil am Drehbuch.

 

Was war am Schwierigsten umzusetzen und welche Arbeit war der größte Zeitfresser?

Am Schwierigsten ist die Herstellung von Lachern. Wir wollten von Anfang an einen witzigen Film machen, der Spaß macht und trotzdem auch eine Botschaft hat – diese aber nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt.

Bei den Witzen ist es so, dass es im Roman fast immer Witze sind, die aus dem Wort entwickelt sind, d. h., es sind oft Dialogwitze. Im Film funktioniert Humor aber ganz anders. Wenn man liest ist das Timing anders und die meisten Witze sind eher physisch. Jemand fällt unglücklich hin, daraus entsteht eine tolle Kettenreaktion o.ä.. So etwas funktioniert in einem Buch nicht so gut wie im Film, weil es sich im Film schneller erzählen lässt. Ich denke, die Hälfte der Gags, die wir angedacht haben, wird der Zuschauer gar nicht mitbekommen oder erst beim zweiten oder dritten Mal erkennen. Trotzdem ist es das, womit wir die meiste Zeit verbracht haben: Möglichst alles in einer witzigen Situation enden zu lassen. Und das ist so schwer, weil ich den Film natürlich weit über 100-mal gesehen habe, die Szenen im Einzelnen noch viel öfter, und das wiederum heißt, man muss jedes Mal versuchen, den Witz noch zu sehen. Lachen tun wir hier sowieso nicht mehr darüber und deswegen neigt man dann dazu, den Witz falsch zu inszenieren oder sogar rauszuschneiden, weil man denkt, hier ist der Film gerade zu langsam oder wo war noch mal der Witz?

Ich finde, Leute, die einen Witz erzählen können und sich selbst dabei totlachen, einfach großartig, und ich schätze, so oft haben sie den Witz dann noch nicht erzählt. Wenn sie selber nicht mehr darüber lachen, erzählen sie ihn auch nicht mehr. Dabei könnten sie sich gerade dann richtig auf das Timing konzentrieren: wie erzähle ich den Witz, damit er für andere noch witziger wird, als er es für mich beim ersten Hören war.

Rein technisch gesehen ist es bei uns immer besonders zäh, bis wir endlich eine Sequence bewegt (also als Filmschnipsel) sehen können. Wir arbeiten an jeder Filmsekunde Tage und bei der Endberechnung kann man schon mal für ein Bild 30 Stunden einrechnen, (für jede Sekunde brauchen wir 24 Bilder) das kostet leider nach wie vor viel Zeit.

 

HAPPY FAMILY – Trailer #1 Deutsch HD German (2017)

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Happy Family

Offizieller Kinostart: Dauer: 93 Min
FSK: ab 0 freigegeben
Regisseur & Produzent: Holger Tappe
Drehbuch: David Safier, Catharina Junk
Verleiher: Warner Bros. GmbH

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